Vita

Ernst von Wyl

Ernst von Wyl

  • geboren 1930 in Hergiswil am See mit seinem Zwillingsbruder Josef
  • 1946 bis 1950 Steinbildhauerlehre mit Diplomabschluss bei seinem Vater Josef und seinem Onkel Leopold
  • Besuch der Kunstgewerbeschule Luzern
  • 1950 bis 1951 Schule für bildende Kunst in Mayen, Deutschland
  • erster öffentlicher Auftrag in der Landeshauptbank in Mayen, Deutschland
  • 1952 bis 1959 diverse Arbeits- und Weiterbildungsaufenthalte im In- und Ausland
  • seit 1960 eigenes Bildhauer-Atelier in Hergiswil am See und Mitglied des VSBS
  • zahlreiche Einzel-und Gruppenausstellungen im In- und Ausland
  • öffentliche Aufträge u.a. in Hergiswil, Horw, Altdorf, Littau, Stansstad, Reussbühl, Gerliswil, Langenthal, Interlaken
  • Ausführung von Auftragsarbeiten wie Grabdenkmäler, Brunnenanlagen, Friedhof- und Gartenplastiken, Wandreliefs, Kreuzwegstationen, Kirchenchorausstattungen
  • Qualitätszeichen für besondere Leistung auf dem Gebiet der Grabmalgestaltung durch den Verband Schweizerischer Bildhauer
  • gestorben 2011 in Hergiswil am See

Leben und Schaffen

Ernst von Wyl bearbeitete Steine. Häufig sah er schon ansatzweise die Figuren oder Gesichter darin, die er ihnen entlocken wollte. Seine Eingriffe beschränkten sich auf das Nötige. Sobald die Figur oder das Gesicht greifbar wurde, stoppte der Prozess des Abtragens. Eine Figur wird greifbar - dieser Ausdruck passt zu Ernst von Wyls Verhältnis zu seinen Werken. Wenn man ihm zusah, wie er seine Skulpturen mit den Händen griff oder eben begriff, wie er mit Handfläche und Fingern ihren Formen, ihren Erhebungen und Einbuchtungen folgte, so kam es einem vor, als würde er seine Werke nicht mit dem Werkzeug, sondern mit den Händen vollenden, als würde er die Frauen, die Paare, die Mutter-mit-Kind-Skulpturen über seine Berührung beseelen.

Der Stein zeigt sich. Er wartet darauf, etwas zu werden.
— Ernst von Wyl

Natürlich schmeicheln Ernst von Wyls Figuren den Händen. Er liebte die runden, die fraulichen Formen, ihnen galt seine uneingeschränkte Hinwendung. Seine Figuren leben mit dem Licht, ob dieses nun von einer stumpfen Oberfläche gesammelt oder von einer polierten reflektiert wird. Ernst von Wyls Steinskulpturen sind nicht realistische Abbilder des Menschen. Sie sind vielmehr verdichtete, ideale Körper, die häufig in einer Pose präsenter Ruhe verharren.

Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist "Der Kuss / Abschied" von 2000. Die zwei Meter hohe Skulptur aus Schlesischem Marmor wirkt trotz der weichen Formen blockhaft und monumental. Die weibliche und die männliche Figur scheinen im Kuss zu verschmelzen, sie sind nicht zu trennen und widersprechen durch ihre Erscheinung dem zweiten Titel "Abschied". Dass Ernst von Wyl diese Arbeit vor sein Atelier, mitten in den Passantenstrom zum Hergiswiler Bahnhof stellte, war sicher mutig, wenn nicht gar für prüde Zeitgenossen eine Provokation. Handwerklich perfekt, inhaltlich stimmig, konnte sich die Figur an dieser exponierten Stelle über Jahre behaupten. Sie sorgte für Momente des Innehaltens und der Entschleunigung und wurde immer wieder bewundert. Auf dem Landenberg ob Sarnen wird sie im Aussenraum auf die Ausstellung mit Werken von Ernst von Wyl aufmerksam machen. Im Innern wird es neben Steinplastiken auch Bronzen und Bilder zu sehen geben.

Ernst von Wyl in seinem Atelier

Ernst von Wyl in seinem Atelier

Die Konzentration auf das Wesentliche, die ihm das Material Stein abverlangte, durchbrach Ernst von Wyl in seinen Bronzeskulpturen. Diese formte er in Wachs, worauf sie in der Technik der verlorenen Form gegossen wurden. Er baute leichthändig Szenen auf, sie wuchsen ihm gleichsam aus den Händen. Die Extremitäten der Figuren können bei dieser Entstehungsweise im Gegensatz zum Stein schlank und ausladend sein. Hier konnte Ernst dazufügen statt wegnehmen, der erzählerischen Ader, nicht dem Diktat des Materials folgen: Das ist die Freiheit des Steinbildhauers, der sich zum Bronzeplastiker wandelt.

Aber Freiheit wie Disziplin muss erarbeitet sein. Ernst von Wyl erwarb sich beides immer wieder im Aktzeichnen. Es bildete die unentbehrliche Grundlage für das Arbeiten in Stein und Bronze und für seine Malerei. Ernst von Wyl reizte es, mit möglichst wenig Strichen ein Maximum an körperhaftem Ausdruck festzuhalten. Gekonnt gesetzte Striche und Punkte verbindet das Auge des Betrachters zum Körper des Modells. Anekdotisches und Pikantes darf dabei nicht fehlen. So konnte Ernst von Wyl, mit Kreisen für Kopf, Brüste, Becken und Schenkel eine Liegende skizzieren. Oder er fügte Tropfen- und Birnenformen zu Körpern.

Ernst von Wyl folgte zeit seines Lebens nicht Launen und Moden. Er blieb der menschlichen Figur verpflichtet, hielt am Wahren und Schönen fest, pflegte einen spielerischen Schalk und konnte so die Menschen direkt erreichen. Eine Wiederbegegnung mit seinen Werken lohnt sich. 

Text von Urs Sibler, erschienen in der Zeitschrift "Kunst+Stein" Oktober 2014

Relief - Familie von Wyl

Relief - Familie von Wyl

Schon Ernst von Wyl's Vater und Grossvater waren Steinbildhauer. Mit Sohn Philippe von Wyl, der das Steinbildhaueratelier in Hergiswil am See übernommen hat, geht die Steinbildhauergeschichte der Familie in die 4. Generation.